Der folgende Beitrag ist ein Reflexionsbeitrag von Anna Maletz – sie hat an einem unserer Tagesworkshops für kollektive Führung in München teilgenommen und teilte diese Worte mit uns. Nun teilen wir sie mit der Welt. Lieben Dank an Anna für die Erlaubnis zum Teilen und diese inspirierenden Worte und Fragen.

Was ist kollektive Führung?

Führen wir uns als Team alle gemeinsam? Bedeutet es, dass die Teammitglieder abwechselnd Führungsaufgaben übernehmen? Ist das realistisch? Und kann ein solcher Ansatz in Unternehmen umgesetzt werden? Diese und weitere spannende Fragen kommen auf, wenn man über das Konzept der kollektiven Führung nachdenkt. Meiner Neugier nachgehend, nahm ich Anfang Mai am „Einführungsworkshop kollektive Führung“ von Leadership³ teil.

Einladende Atmosphäre, die Offenheit möglich macht

Der Workshop fand an einem sonnig-frischen Tag in den Räumlichkeiten des Impact Hubs in München statt. Als ich den Raum betrat, fiel mir der schöne Blumenstrauß in der Mitte des aufgebauten Stuhlkreises ins Auge. Zusammen mit den durch die großen Fenster einfallenden Sonnenstrahlen entstand dadurch im Seminarraum eine warme und friedliche Atmosphäre. Im Eingangsbereich war ein kleines Buffet mit frisch geschnittenem Obst und Nüssen sowie mit Tee und Kaffee aufgebaut. Es war deutlich zu erkennen, dass die Vorbereitungen mit viel Sinn für Detail getroffen wurden. Zudem fiel positiv auf, dass die Workshopleitenden sich Zeit nahmen, um die einzelnen Teilnehmenden zu begrüßen und in einem ersten kurzen Gespräch kennenzulernen. Man fühlte sich von Anfang an willkommen. Die geschaffene Atmosphäre förderte zudem ein offenes „Aufeinanderzugehen“ der Teilnehmenden untereinander.

Wofür Check-Ins gut sind

Nachdem sich alle im Stuhlkreis zusammengefunden hatten, begann der Workshop mit einem Check-In, bei dem sich alle Teilnehmenden (inklusive Workshopleitende) vorgestellt haben. Check-Ins sind eine Möglichkeit Workshops, Meetings oder andere Treffen einzuleiten. Ziel ist es, die Personen in dem jeweiligen Setting ankommen zu lassen und zu erfahren, wie es den Personen momentan geht und was sie beschäftigt. Das Check-In dient nicht dazu, Probleme zu behandeln oder zu lösen. Vielmehr geht es darum, den Gemütszustand des Gegenübers zu erfahren. Dadurch lässt sich beispielsweise einschätzen, dass die bedrückte Laune des Anderen nichts mit mir persönlich in unserer Zusammenarbeit zu tun hat. Auch kann ich gezielt meine Unterstützung anbieten, um die Person zu entlasten. Auch schöne Erfahrungen und gute Stimmungen dürfen und sollen geteilt werden. Beide Stimmungen beeinflussen die weitere Zusammenarbeit positiv, denn es entsteht ein achtsamer und persönlicher Umgang miteinander.

Umgang mit Komplexität

Nachdem Check-In gab es den ersten theoretischen Input. Von dem überwiegenden IST-Zustand in der Arbeitswelt wurde der Bedarf an neuen Führungsstilen und Formen der Zusammenarbeit verdeutlicht. Als ein Grund für den Bedarf neuer Konzepte wurde die stetig steigende Komplexität unserer Welt genannt. Besonders schön war, dass die Komplexität nicht nur auf die Arbeitswelt beschränkt wurde. Umweltthemen und der Klimawandel, Digitalisierung und immer schnellere Entwicklungen tragen alle zu der vielfältigen Komplexität unseres Alltags bei. Um die Dimensionen der Komplexität speziell in Teams zu verdeutlichen, wurden u.a. die vier Quadranten nach Ken Wilber besprochen und diskutiert. Die Quadranten zeigen Faktoren, wie z.B. Bedürfnisse, Wertschätzung oder Organisationsstruktur, die auf der individuellen oder kollektiven Ebene sowie von innen oder von außen den Menschen und die Arbeit im Team beeinflussen.

Selbstführung – Teamführung – Führung in der Welt

Abgeleitet von diesem ersten Teil wurde uns das Führungsverständnis von Leadership³ erklärt. Drei Ebenen sind für das Verständnis von großer Bedeutung. Auf der ersten Ebene das Individuum (ICH). Ich kann mich selbst führen und habe die Verantwortung achtsam mit mir umzugehen. Auf der zweiten Ebene das Team (DU). Du als Ebene des Teams bedeutet, dass wir uns als Team verantwortlich führen und zum Wohle sowie nach den Bedürfnissen des Teams Entscheidungen treffen. Auf der dritten Ebene steht die globale Verantwortung der Menschen (WIR). Die Ebene Wir verdeutlicht, dass jeder Mensch eine globale Verantwortung trägt, der aber nur bzw. effektiver gemeinsam nachgekommen werden kann. Diese drei Ebenen gilt es zu beachten, um gesund, effektiv und nachhaltig zusammenzuarbeiten.

Neue Wege Entscheidungen effektiv zu treffen

Im Laufe des Workshoptages durften wir weitere Arbeitsprinzipien und Elemente der kollektiven Führung nach dem Leadership³-Verständnis kennenlernen. Insbesondere Themen wie die Arbeit mit Rollen und die Integration nicht-hierarchischer Entscheidungsprozesse wurden theoretisch und praktisch vermittelt. In regelmäßigen Klein- und Großgruppenübungen wurden einzelne Aspekte nochmals vertieft angewandt. Viele der Übungen hatten ihren Fokus auf dem Wahrnehmen von Dynamiken in der Gruppe, auf Achtsamkeit und den individuellen Bedürfnissen sowie auf der Ausarbeitung von ersten möglichen Umsetzungszielen des Gelernten. Für die Ausarbeitung der Ziele wurden uns viele Bastelmaterialien zur Verfügung gestellt. So konnte auch ein Prototyp visuell erarbeitet und als Erinnerungs-/Motivationsgegenstand mitgenommen werden.

Vermeintlich Agendalos

Bevor ich zum Fazit komme, möchte ich noch auf ein organisatorisches Element hinweisen. Der ganze Workshoptag wurde ohne zeitliche Agenda durchlaufen. Jedenfalls wurde keine an die Teilnehmenden kommuniziert. Das war am Anfang irritierend, denn man möchte doch wissen, wann die nächste Pause ansteht und welches Thema anschließend behandelt wird. Am Ende des Tages fiel jedoch auf, dass das bedürfnisorientierte „Pausen-machen“ sowie eine flexible Themenschwerpunktsetzung und die fehlenden zeitlichen „Einschränkungen“ zu der anfangs beschriebenen friedlichen, achtsamen Stimmung des gemeinsamen Miteinanders beigetragen haben.

Zukunftsweisender Weg für moderne Zusammenarbeit

Abschließend lässt sich sagen, dass es die richtige Entscheidung war, meiner Neugier zum Thema kollektive Führung nachzugehen. Kollektive Führung ist ein spannender und sehr zukunftsweisender Weg für moderne Zusammenarbeit in Teams. Gleichzeitig beschränkt sich das Thema durch den Aspekt des menschlichen Miteinanders und dem wechselnden Fokus zwischen Individuum und Team nicht nur auf den Arbeitskontext. Auch für die eigene Persönlichkeit und den Umgang mit Mitmenschen im Allgemeinen bietet das Verständnis von kollektiver Führung ein enormes Lern- und Entwicklungspotenzial. Ich bin froh, an dem von Carla, Sophie, Natalie und Jonathan organisierten Workshop teilgenommen zu haben. An dieser Stelle nochmal ein großes Dankeschön an die vier Organisator*innen und alle Teilnehmenden des Workshops. Gemeinsam haben wir bei uns gegenseitig (weitere) Weichen für Entwicklungs- und Veränderungsprozesse ermöglicht.

 

@Anna Maletz, copyright 2019

 

 

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